Neunerlei – erzgebirgisches und vogtländisches „Neinerlaa“

Einige kennen ihn von früher, viele kennen ihn nicht – den Brauch des Neunerlei im Erzgebirge und Vogtland zu Weihnachten.

Das Neunerlei wird mundartlich Neinerlaa genannt und entstammt einem alten Weihnachtsbrauch aus dem Erzgebirge und dem Vogtland (teilweise auch im Egerland gepflegt). Es handelt sich dabei um das typische Weihnachtsessen an Heiligabend, welches aus neun verschiedenen Speisen beziehungsweise Bestandteilen besteht.

DAS originale, typische Neinerlaa gibt es nicht. Im Vogtland und Erzgebirge wird meistens ein Neunerlei zum Heiligabend aufgetischt, was eine lange Tradition in der Familie hat. Jedoch versuchen viele sich zumindest an die neun verschiedenen Speisen beziehungsweise Gerichte zu halten – letztendlich zählen doch die Besinnlichkeit und das leckere Essen.

 

„Rezept“ für ein erzgebirgisches Neunerlei

Wie bereits erwähnt gibt es nicht DAS Rezept für das Weihnachtsessen aus dem Erzgebirge. Die verschiedenen Zutaten für das vogtländische und erzgebirgische Neunerlei werden zu Weihnachten auf neunerlei Teller verteilt und teilweise als einzelne Gänge gereicht – ein erzgebirgisches Weihnachtsmenü entsteht. Jedes der Weihnachtsgerichte hat eine eigene Bedeutung.

  1. Die Bratwurst steht zum Bewahren von Herzlichkeit und Kraft
    („doß mr Harzhaftigkeit un Kraft bewohrt“),
  2. Das Sauerkraut steht dafür, dass einem das Leben nicht sauer wird
    („damit ens Labn net sauer wird“),
  3. Die Linsen stehen dafür, dass einem das Kleingeld nicht ausgeht
    („doß ens kleene Gald net ausgieht“),
  4. Klöße, Karpfen und Hering stehen dafür, dass einem das große Geld nicht ausgeht
    („doß es net an grußen Gald fahlt“),
  5. Gans, Schweinebraten und Kuhhase (Kaninchen) stehen dafür, dass einem das Glück treu bleibt
    („doß ens Gelick trei bleibt“),
  6. Das Kompott steht dafür, dass man sich des Lebens erfreuen kann
    („doß man sischs ganze Labn free kah“),
  7. Die Semmelmilch steht dafür, dass man nicht erkrankt
    („doß en de Nos net truppt in neie Gahr“ oder die Buttermilch, „doß mr ka Koppwiting hat“, sprich keine Kopfschmerzen hat),
  8. Die Nüsse oder Mandeln stehen dafür, dass der Lebensalltag im nächsten Jahr gut abläuft
    („doß dr Labnswogn gut geölt dorchs neie Gahr fährt“),
  9. Die Pilze oder rote Rüben sollen schließlich Freude und Glück bringen
    („Freid un Gelick un rute Backen“) oder gutes Wachstum für das Getreide bedeuten.

Brot und Salz steht dabei neben dem neunerlei Essen stets auf dem Tisch bereit.

Eine alternative Variante des Neunerlei besteht aus:

  1. Bratwurst oder Schweinebraten mit Linsen
    (letztere, damit im kommenden Jahr genug Geld vorhanden ist)
  2. Hering mit Apfelsalat
    (um beweglich „wie ein Fisch“ zu bleiben)
  3. Grütze oder Hirsebrei
    (damit das Geld nicht ausgeht)
  4. Buttermilch
    (um keine Kopfschmerzen zu kommen)
  5. Rübensalat
    (um rote Backen zu behalten – gesund zu bleiben)
  6. Süßkraut
    (damit die Arbeit leichter wird)
  7. Klöße
    (dass viele Taler einkommen)
  8. Getrocknete Pilze
    (um die Früchte des Waldes zu ehren)
  9. Gebackene, gedörrte Pflaumen
    (damit das Leben nicht verdörren möge)

Tipp: Aufstehen vom Festmahl am Heiligabend ist nicht: „sonst verlegen einem die Hühner die Eier“ – man wird bestohlen.

 

 

Sachsen hat also viel mehr als nur seinen Dresdner Stollen (oder Erzgebirgischen Stollen – ja, den gibt es auch, es gibt sogar den Stollenverband Erzgebirge e.V.) zum Weihnachtsfest zu bieten.

 

Zum Neinerlaa in Annaberg-Buchholz

In Annaberg-Buchholz gibt es auch ein Restaurant, welches sich „Zum Neinerlaa“ nennt. Für Interessierte lautet die Adresse:

Ratskeller „Zum Neinerlaa“
Markt 1
09456 Annaberg-Buchholz

Hier gibt es deftige Spezialitäten aus dem Erzgebirge – die Kneipe bietet sich bestens für den nächsten „Hutzenabend“ (Bestandteil der Advents- und Weihnachtszeit im Erzgebirge, wo gemeinsam gegessen, getrunken und gesungen wird) an. Wer sich mit erzgebirgischer Mundart auf Weihnachten einstellen und einen Überblick über die Lokalität verschaffen möchte, sollte sich dieses Video ansehen.

 

Der erzgebirgische und vogtländische Brauch zu Heiligabend hat übrigens nichts mit dem „Neunerlei Gewürz“ aus Piment, Zimt, Anis, Ingwer, Koriander, Kardamom, Muskat, Nelken und Fenchel zu tun. Manchmal spricht man bei der Tradition des Neunerlei auch von den Elementen Luft, Erde und Wasser. Jeder Bestandteil des Gerichts soll einem dieser zugeordnet sein. Für Luft steht dann zum Beispiel ein Gänsebraten, für Erde ein Hasenbraten und für Wasser der Fisch.

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